"Schatten vergessen nichts"

Textauszug:

Sommer 2005

"Dieser verfluchte Regen! Hoffentlich lässt der Sturm bald nach!" Matti stand am Fenster und führte Selbstgespräche. Seit Stunden kämpfte er gegen seine Kopfschmerzen an. Um sich zu beruhigen, schlug er mit der flachen Hand wiederholt gegen das Mauerwerk neben dem Fenster. Er benötigte Zigaretten, und zwar dringend. Die aber ließen sich nur während des Hofganges besorgen. Und heute fiel die Freistunde wegen des schlechten Wetters aus. 

Durch die Gitterstäbe warf Matti ärgerliche Blicke auf des Nass, das sich seit Stunden über das Gelände ergoß. Manchmal zuckten Blitze und von weit her grollte Donner über die schwäbische Alb. Das Wasser schlug auf den Sims, Windböen zerrten es fort und rüttelten an dem in die Jahre gekommenen Klotz. Aus Stahlbeton gebaut, war der Kasten vermutlich für die Ewigkeit gedacht.

An solch stürmisch dunklen Tagen wirkte die Anlage unheimlich, fast gefährlich. Verirrten sich doch nur selten Besucher hierher. Das Monstrum besaß einen, besonders bei seinen Insassen verhassten Namen: Justizvollzugs-Anstalt Stammheim.

Der Wind jagte schon seit Stunden dieses grau in grau tief hängender Wolken über das Gelände. Hin und wieder streiften sie die obersten Stockwerke der Anstalt, verschluckten sie für kurze Momente in ihrem Dunst.

Die Einsamkeit zwang Matti, dem Sturm ungewollt Beachtung zu schenken. Zwar gab das im Hintergrund seiner Zelle in die Wand eingebaute Knast-Radio leise Töne von sich. Scheppernd, wie aus einer Metalldose kommend, verteilten sich die Klänge. Es sangen die Killers. Die Band aus Las Vegas brachte ihren Hit: »Are we human or are we dancers

Matti liebte diesen Song mit seinen heißen Rhythmen. Und natürlich auch wegen der Frage, sind wir Menschen oder nur Tänzer in dieser Welt.

Die vermutlich vor ewigen Zeiten produzierten Lautsprecher ließen die Musik jedoch zu einem erbärmlichen Krächzen verkümmern.

Nur oberflächlich nahm Matti den Song wahr, denn das fehlende Nikotin brachte ihn nahezu um seinen Verstand. Später glaubte er, statt des ihm bekannten Textes das Wort »Dreamdancer« gehört zu haben. Aber das musste Blödsinn gewesen sein.

Seit zwei Tagen saß er hier in diesem winzigen, halbdunklen Raum. Die Kripo hatte ihn vorübergehend in diesem  Gefängnis unter-gebracht.  

Eingefangen hatte ihn die Polizei bei einer Personenkontrolle am Hauptbahnhof Stuttgart. Ein Haftbefehl aus Hamburg lag gegen ihn vor. Die Kripo brachte ihn in einer Zelle für Transit-Häftlinge unter. Hier konnte er froh sein, dass es statt Fernseher wenigstens ein paar schräge Klänge aus der Fischdose an der Wand gab.

Eigentlich war es nur eine Bagatelle, weshalb ihn die Polizei festgenommen hatte: Eine gerichtliche Vorladung konnte Matti nicht zugestellt werden. Er galt als wohnungslos. Das traf aus seiner Sichtweise nicht so richtig zu, denn untergekommen war er seit Längerem bei einer Freundin. Da er dort nicht gemeldet war, niemand vom Amt seine Adresse kannte, schrieb ihn die Staatsanwaltschaft zur Fahndung aus.

Morgen oder übermorgen würde sein Transport Richtung Norddeutschland erfolgen. Was ihn wohl dort erwartet? Vor Monaten hatte er einen Cousin in Hamburg besucht. Der hatte ihn und seine Mutter zu seiner Hochzeit eingeladen. Es war eine tolle, aber dennoch anstrengende Feier gewesen. Seine Mutter blieb noch einige Tage dort und wollte dann mit der Bahn nach Hause fahren.

Statt nach dem Treffen wieder umgehend Richtung Stuttgart aufzubrechen, nahm Matti sich die Freiheit, auf Kosten fremder Leute in einem Luxushotel zu nächtigen. Einige Tage blieb er dort. Viel mehr war nicht passiert. Ob der Richter Verständnis für seine Situation haben wird? Vielleicht könnte er noch einmal mit einer Bewährungsstrafe davon kommen? Schlimmstenfalls würde er zu einer Freiheitsstrafe verdonnert werden. Vielleicht wird man ihn im berüchtigten Santa Fu unterbringen? Es war der einzige Knast, den Matti vom Namen her in Hamburg kannte.

Der Transport nach Hamburg, der wird sich bestimmt einige Tage oder gar Wochen hinziehen, überlegte er. Welche Leute ich unterwegs wohl treffen werde, waren die weiteren Gedanken. Hoffentlich wird man mich nicht in diesen Fahrzeugen in eine Mini-Kabine sperren, in denen Kerle hocken, die nicht zum Aushalten sind, vielleicht stinken oder ständig pupsen. Und kein Wort deutsch  oder italienisch  sprechen. Unwillkürlich musste Matti grinsen. Die Fahrt konnte heiter werden.

 

 

 

 

 

   Der Prozess in der Stadt an der Elbe? Weshalb sich einen Kopf machen, überlegte er. Mein Hirn dröhnt schon genügend. Beeinflussen lässt sich dieser Ablauf ja doch nicht. Also galt es, zunächst den Transport nach Norddeutschland abwarten.

   Ein Gangster-Rap, der als nächste heiße Musik aus dem Radio kam, riss ihn aus seinen Gedanken. Eingesperrt zu sein, vielleicht für Wochen oder Monate der Freiheit beraubt? Ein Gefühl ohnmächtiger Wut beschlich ihn. Raus möchte er aus dieser kahlen Zelle, zu seiner Freundin, die ihm ein Dach über dem Kopf bot.  

   Seine Gedanken gingen zu seiner Familie, seiner Mutter und Schwester. Den Vater hatte er seit Längerem aus dem Gedächtnis gestrichen, es zumindest versucht. Nein, mit dem wollte er nichts mehr zu tun haben.

   Ähnlich einem Tagtraum  machten sich plötzlich Bilder breit, die er stets verdrängt hatte: Da lag ein Mann bäuchlings auf einem Feldweg. Sein Rücken war der Länge nach aufgerissen. Blut quoll hervor, suchte sich seinen Weg und versickerte dann zwischen den Steinen. Offensichtlich war der Mann tot. Aber weshalb lag der Kerls da vor ihm? Im Hintergrund sah Matti verschwommen ein Haus. Vielleicht das seines Großvaters? An mehr konnte er sich nicht erinnern.

   Immer, wenn im Traum diese Szene in ihm aufkam, fühlte er eine panische Angst in sich. Seine Hände wurden feucht, ja nass und sein Herz raste. Auch jetzt versuchte er, schnell an andere, angenehmere Momente in seinem Leben zu denken. An Abende und Nächte mit Freundin oder Erlebnisse aus früheren Damen-Bekanntschaften. Er hatte schon viele Kontakte dieser Art hinter sich, jedoch wie unter Zwang suchte er stets nach neuen Erfahrungen. Es war wie eine Flucht vor sich selbst. 

 

   Nach einer Weile beruhigte sich sein Körper. Er warf sich auf die Knast-Liege und schlief nach einigen Minuten erschöpft ein. 

 

 

 

 

Das Buch:

"Schatten vergessen nichts"

 

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Es ist erhältlich als eBook unter 

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Die Veröffentlichung als 

Print-Buch erfolgt in Kürze