"Schatten vergessen nichts"

Einige Textauszüge:

Sommer 2005

Matti stand am Fenster und sah durch das Eisengitter dem Regen zu, der gegen das Glas peitschte. Manchmal zuckten Blitze und von weit her grollte der Donner über die schwäbische Alb. Das Nass schlug gegen den Sims, Windböen zerrten es fort und rüttelten an dem in die Jahre gekommenen Klotz. Aus Stahlbeton gebaut, war der Kasten vermutlich für die Ewigkeit gedacht.

An solch stürmisch dunklen Tagen wirkte die Anlage unheimlich, fast gefährlich. Verirrten sich doch nur selten Besucher hierher. Das Monstrum besaß einen, bei seinen Insassen verhassten Namen: Justizvollzugsanstalt Stammheim.

Der Wind jagte schon eine Weile dieses grau in grau tief hängender Wolken über das Gelände. Hin und wieder streiften sie die obersten Stockwerke der Anstalt, verschluckten sie für kurze Momente in ihrem Dunst.

Im Hintergrund von Mattis Zelle ertönte das in die Wand eingebaute Knast-Radio. Scheppernd, wie aus einer Metalldose kommend, verteilten sich die Klänge in dem Raum. Es sangen die Killers. Die Band aus Las Vegas brachte ihren Hit: »Are we human or are we dancers

Matti liebte diesen Song mit seinen heißen Rhythmen. Und natürlich auch wegen der Frage, sind wir Menschen oder nur Tänzer in dieser Welt.

Die vermutlich vorsintflutlichen Lautsprecher ließen die Musik jedoch zu einem erbärmlichen Krächzen verkümmern.

Nur oberflächlich nahm Matti den Song in dieser Stunde wahr. Später glaubte er, statt des ihm bekannten Textes das Wort »Dreamdancer« gehört zu haben. Aber das musste Blödsinn sein, überlegte er. Dass ihn die Kripo hier in der Justizvollzugsanstalt Stammheim für einige Tage untergebracht hatte, das dagegen war harte Realität.

Eingefangen hatte ihn die Kripo bei einer zufälligen Personenkontrolle am Hauptbahnhof Stuttgart. Da ein Haftbefehl aus Hamburg gegen Matti vorlag, brachten sie ihn unverzüglich in einer Zelle für Transit-Häftlinge unter. Hier konnte er froh sein, dass es statt Fernsehen wenigstens ein paar schräge Klänge aus der Fischdose an der Wand gab.

Eigentlich war es nur eine Bagatelle, weshalb ihn die Polizei festgenommen hatte. Doch eine gerichtliche Vorladung konnte Matti nicht zugestellt werden. Er galt als wohnungslos. Das traf natürlich nicht so richtig zu. Untergekommen war er seit Längerem bei einer Freundin. Da er dort nicht gemeldet war, niemand vom Amt seine Adresse kannte, schrieb ihn die Staats-anwaltschaft zur Fahndung aus.

Morgen oder übermorgen würde sein Transport Richtung Norddeutschland erfolgen. Was ihn wohl dort erwarten wird? Vor Monaten hatte er einen Cousin in Hamburg besucht. Der hatte ihn und seine Mutter zu seiner Hochzeit eingeladen. Es war eine tolle Feier gewesen. Mutter blieb noch einige Tage dort und wollte dann mit der Bahn nach Hause fahren.

Statt nach dem Treffen wieder umgehend Richtung Stuttgart aufzubrechen, nahm Matti sich die Freiheit, auf Kosten anderer Leute in einem feudalen Hotel zu nächtigen. Einige Tage blieb er dort. Viel mehr war nicht passiert. Ob der Richter Verständnis für seine Situation haben wird? Vielleicht könnte er noch mal mit einer Bewährungsstrafe davon kommen? Wenn es hart kommt, würde er zu einer Freiheitsstrafe verdonnert werden. Vielleicht wird man ihn im berüchtigten Santa Fu unterbringen? Es war der einzige Knast, den Matti vom Namen her dort kannte.

Doch der Transport nach Hamburg, der wird sich bestimmt einige Tage oder gar Wochen hinziehen, überlegte er. Welche Leute ich unterwegs wohl treffen werde, waren die weiteren Gedanken. Hoffentlich wird man ich nicht in diese Mini-Kabinen mit Kerlen zusammen stecken, die nicht zum Aushalten sind, vielleicht stinken oder ständig pupsen. Und kein Wort deutsch sprechen. Unwillkürlich musste Matti grinsen. Diese Fahrt konnte heiter werden. Oder auch nicht.

  Der Prozess in der Stadt an der Elbe? Weshalb sich einen Kopf machen, überlegte er dann. Beeinflussen ließ sich dieser Ablauf ja doch nicht. Also galt es, zunächst den Transport nach Norddeutschland abwarten.

 

Eine spätere Szene

Der Fremde, der das Bürohaus in der Ulica Norga in Moskau betrat, war von sportlicher, kräftiger Gestalt. Unauffällig und schlicht seine Kleidung: graue, abgetragene Cord-Jacke, schwarze Jeans und braune, leicht ausgetretene Lederschuhe. Sie ließen ihn wie einen Taxifahrer aus der Moskauer Vorstadt erscheinen. Einzig die Sonnenbrille wirkte mit ihren dunklen, leicht verspiegelten Gläsern nicht ganz authentisch.

Der Mann durchschritt die kleine Eingangshalle und ging auf den hinter einem Tresen sitzenden Angestellten einer Sicherheitsfirma zu. Er zog seine Brieftasche aus dem Jackett und übergab eine Visitenkarte. Gleichzeitig nannte er seinen Wunsch, die Firma Kakonow, eine Handelsfirma für Im- und Exporte, besuchen zu wollen.

Der Sicherheitsmann meldete ihn telefonisch an, wartete einige Sekunden und gab dann mit einer Handbewegung Richtung Fahrstuhl den Weg frei.

Das Namenskärtchen ließ der Angestellte auf seinem Arbeitsplatz liegen. Meist erfolgte eine Rückgabe, wenn der Besucher das Haus wieder verließ. In diesem Gebäude bestand die Vorschrift, Namen und Anschriften aller Besucher zu erfassen.

Nikolai, so hieß der Fremde, verschwand nach wenigen Schritten im Aufzug. Als er oben zur Fahrstuhltür heraustrat, erwarteten ihn bereits zwei Männer, Aleksander und Wladimir. Es waren Freunde von ihm aus der Zeit des KGB.

Nikolai strahlte, endlich seine »Brüder«, wie er sie nannte, wieder einmal in die Arme schließen zu können. Es gab ein herzliches Wiedersehen an diesem Nachmittag. Zwar rief Nikolai heute in aller Frühe von Petersburg aus an und übermittelte alle ihm bekannten Hinweise auf einen rätselhaften Geldraub, doch konnte kein Telefonat ein Treffen ersetzen.

Natürlich kannten Aleksander und Wladimir den alten Bucharow mit seinen undurchsichtigen Geschäften, doch »Gold-Buchi«, wie sie ihn in Kreisen der Unterwelt nannten, dem gönnten viele aus dem Milieu den dreisten Geldklau.

Gemeinsam begaben sich die drei Männer in ein leicht abgedunkeltes Büro. In dessen Mitte stand ein Schreibtisch mit einem Beamer und einer Computer-Tastatur. Seitlich darunter befanden sich zwei Tower, beide ausgestattet mit modernen Intel-Prozessoren.

Auf einer von der Decke heruntergelassenen Leinwand leuchteten Zahlenkolonnen auf, die sich ständig aktualisierten. Zwischendurch warf der Projektor Landkartenausschnitte mit merkwürdigen Ringen und Markierungen auf die Wand.

Über Nikolais Gesicht glitt ein Lächeln, seine Moskauer Freunde nutzten die wenigen Stunden seit heute früh ausgezeichnet. Auch Aleksander und Wladimir verfolgten interessiert das Zahlenspiel auf dem großen Bildschirm.

Es war faszinierend anzusehen, wie das von Wladimir entwickelte Bots-Programm Tausende von Servern weltweit seine Suchbefehle aufzwang. Sie durchkämmten das Internet in einer rasenden Geschwindigkeit.

Vom Großraum Frankfurt aus musste der Angriff auf Bucharows Depot erfolgt sein. Das zeigte die Auswertung der IP-Adressen bereits nach zwei Stunden. Die Provider, über welche die gesuchten Daten geflossen sein mussten, standen Minuten später fest.

Die weltweit für die Suche eingespannten Rechner konnten noch mehr. Das Bots-Programm zwang sie, forensisch alle am Netz hängenden PC nach vorgegebenen Stichwörtern auszuforschen. Die Spionage-Software war in der Lage, die meisten der marktüblichen Firewalls und Sicherheits-Programme zu umgehen.

Jetzt meldeten in der Karibik aufgespürte Mails, die dort zwischen virtuellen Kasinos hin und her wechselten, einen auffallenden Ärger mit Online-Spielern. Diese Texte filterten sich heraus, da in ihnen die gesuchten IP-Adressen aufgeführt waren. Diese Zahlen wiederum wiesen ebenfalls auf den Rhein-Main-Bereich hin.

Aleksander lächelte seinen Kollegen zu. Der Fall war für ihn gelöst: IP-Nummern, die zeitgleich ständig wechselten. Sie wiesen auf mindestens zwei Computer hin.

Das mussten nebeneinanderstehende Rechner sein. Die könnten Kerle nutzen, die Internet-Cafés für ihre Aktion ausgesucht hatten.

Das Bots-Programm leistete ganze Arbeit. Abschließend genügte es, die in Süd-Hessen angefallenen Internet-Verbindungen zu analysieren.

Es dauerte eine weitere halbe Stunde und Aleksander erteilte den Rechnern den Druckauftrag für das Protokoll. Ein mit Bluetooth angesteuerter Printer auf einem Sideboard warf die Ergebnisse aus.

Adressen aus dem Rhein-Main-Gebiet, mit GPS-Daten ergänzte Landkarten, alles stand nach wenigen Augenblicken zur Verfügung.

Nikolai bedankte sich zum Abschied überschwänglich bei seinen Freunden. In Kürze würde er sie erneut aufsuchen und zu einem Festgelage einladen. Dann verschwand er im Aufzug. Vor Verlassen des Bürohauses ließ er sich noch an der Empfangtheke seine Visitenkarte zurückgeben.

Ein Taxi brachte Nikolai zum Ankunftsgebäude des Moskauer Scheremetjewo Flughafens. Aus einem Schließfach holte er seine Sporttasche. Der Inhalt war dürftig. Er würde für einen Trip von zwei, höchstens drei Tagen genügen. Mehr Zeit plante Nikolai für Frankfurt nicht ein. Dann eilte der Mann durch eine große Halle Richtung Abflugterminal.

Während er auf die Boarding-Informationen für seinen Flug wartete, rief er über sein Handy Leonhard an, einen »Bruder« aus früheren Tagen in Frankfurt. Leonhard versicherte ihm, er würde alles bereithalten, was vor Ort benötigt wird.

Ein wenig bedauerte Nikolai, dass er seine Waffen nicht in das Flugzeug mitnehmen durfte. Er ließ sie bereits in Petersburg zurück. Besaß er doch eine Militärpistole und zwei Kalaschnikows. Bestimmt könnten sie ihm in Frankfurt dienlich sein.

 

 

Das Buch:

"Schatten vergessen nichts"

 

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ISBN 1981080279